- der Heimatverbände HOG Burzenland im Gottesdienst in Honigberg am 18.09.2011


Liebe heimatverbundenen Burzenländer, liebe Amtsträger der Heimatverbände (HOG), liebe Honigberger, geehrte Damen und Herrn, liebe Schwestern und Brüder,

Ich freue mich von Herzen, dass ich euch alle im Namen des Presbyteriums und im Namen der Kirchengemeinde Honigberg hier in dieser wunderschönen Kirchenburg begrüßen darf.

Ich darf auch schmunzelnd dazu sagen, dass wir uns besonders geehrt fühlen, weil gerade diese Kirche von euch zum Gemeinschaftsgottesdienst erwählt wurde. Und das, obwohl in den wissenschaftlichen Beiträgen zur Tagung des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde, von Donnerstag und Freitag, unser Honigberg eine unbedeutende Rolle vor 800 Jahren, bei der Besiedlung des Burzenlandes durch den Deutschen Ritterorden, gespielt hat. Ja, man könnte laut diesen Referaten annehmen, die Deutschen Ritter hätten von diesem süßen Honigberg gar nichts gewusst, sie hätten es übersehen.

Aber dennoch ist etwas aus Honigberg geworden und wir sind stolz auf das, was wir jetzt als besonderes Erbe vorweisen können. Wir sind stolz auf das, was wir unserer Herkunft nach die vielen Jahre hindurch aufbewahrt haben und jetzt mit in die Zukunft nehmen können.

Danke deshalb für die erwiesene Ehre und danke den Chorformationen und der Blasmusik für das Mitgestalten dieses Gottesdienstes mit schönen musikalischen Einlagen.
Gott, der Herr, möge mit seinem Segen diesen Gottesdienst begleiten und euch allen einen besinnungsreichen, bewegten Tag schenken.
Pfr. Kurt Boltres

Herkunft prägt Zukunft - Predigt am 18.09.2011 in Honigberg


31 Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen.
32 Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir.
33 Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder?
34 Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!
35 Denn
wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. (Markus 3,31-35)

Herkunft prägt Zukunft – 800 Jahre Burzenland, - unter diesem Motto liebe Brüder und Schwestern, standen die Tage des 21. Sachsentreffens in Kronstadt. Die Tage waren gewürzt mit historischen Beiträgen von hohem Niveau, mit Gottesdienst und einer Reihe von Würdigungen. Sie waren gefüllt mit völkischen Veranstaltungen bei Blasmusik und Volkstanz, - und nicht zuletzt mit großer Freude für die Teilnehmer, mit Wiedersehensfreude und im Besonderen der Freude an der Gemeinschaft, die ja uns Siebenbürger Sachsen eigen ist.
Sicherlich können sich manche unter uns auf diese Verse erinnern, die wir in der 8. Klasse lernten. Da heißt es in einer Ballade:

Trinke Mut des reinen Lebens!
Dann verstehst du die Belehrung,
Kommst mit ängstlicher Beschwörung
Nicht zurück an diesen Ort.
Grabe hier nicht mehr vergebens!

Tages Arbeit, Abends Gäste!
Saure Wochen, frohe Feste!
Sei dein künftig Zauberwort.

J.W. Goethe – Der Schatzgräber 1797


Sie sind uns wohl bekannt, diese Worte. Ja, im Besonderen die Worte „Tages Arbeit, Abends Gäste ! Saure Wochen, frohe Feste“ haben Jahrhunderte lang das sächsische Leben bestimmt und haben sich in das Gemeinschaftsbewusstsein eingeprägt.

Es ist früher nicht der Oyntzen Pitter vergrämt zu Hause gesessen, vor dem Fernseher und hat sein Bier allein getrunken. Er hat immer die Gesellschaft gleichgesinnter Nachbarn gebraucht, nicht etwa um mit ihnen zu zechen, das hat es natürlich auch gegeben. Er ist mit ihnen gesessen, um die gute Nachbarschaft zu pflegen und um Anteil zu haben an dem Glück, an dem Segen und den Sorgen seines Nachbarn.

So hat man in unserer Siebenbürgischen Gemeinschaft einander begleitet, von der Geburt bis zum Tod, und man hat von der Taufe über die Hochzeit bis hin zur Beerdigung alle Ereignisse in dieser Großfamilie gemeinsam getragen. Und was noch typisch ist für uns Siebenbürger Sachsen: wir haben miteinander Erfahrungen und Erkenntnisse ausgetauscht. Wir hatten einander immer etwas zu erzählen. Wir hatten Gemeinschaft miteinander und hatten deshalb füreinander immer etwas übrig.

Ja, wir hatten, und bei dem Wort „wir hatten“ möchte ich folgendes erzählen:
Ich kann mich noch gut an ein Ereignis aus meiner Kindheit erinnern. Als 5 oder 6 jähriger Junge stand ich am Fenster unseres alten Hauses, es muss wohl um die Nachmittagsstunde gewesen sein. Da fuhr ein Lanz-Bulldog vorbei und zog eine Dreschmaschine hinter sich her. Das laute Tuckern dieses Traktors hatte auch meine Mutter vernommen und sie kam ans Fenster und sagte mir: auf dem bin ich auch gesessen und habe das Heu eingeführt, der gehörte deinem Großvater, die Dreschmaschine war der Gesellschaft; - jetzt gehört alles der Kollektiv. Hinterher erfuhr ich von ihr, dass manches Mal das Heu nicht gut geladen war und der Wagen, der vom Traktor gezogen wurde, folglich kippte. Das war dann doppelte Arbeit für den Großvater. Es war Arbeit für die ganze Familie, für Haus, Hof, Kind, Hund und Katze, denn alle mussten gemeinsam anpacken. Denn dem sächsischen Bauern war seine Arbeit heilig und er wusste ganz genau, dass er auf die Arbeitskraft der ganzen Familie und auch die des Nachbarn angewiesen war. Das schweißte die Gemeinschaft zusammen.

Und ich bin mir sicher, dass dieses Miteinander in der Großfamilie die Siebenbürgische Mentalität, wie auch das Gemeinschaftsgefühl mitgeprägt haben. Man lebte hier in einer heilenden, stützenden Gemeinschaft, wo die Verletzungen, die Ängste und die konkreten Nöte gemeinsam getragen wurden. Selbst die geschwisterlichen Auseinandersetzungen wurden mit Würde ausgetragen, ausgenommen einzelne Ausnahmen. In der sächsischen Nachbarschaft war, laut den Satzungen, gegenseitige Hilfe eine selbstverständliche Pflicht. Ich selber hab es noch in meiner ersten Pfarrstelle erlebt, wo einem Nachbarn das Haus über Nacht abbrannte und er nur noch eine Axt, ohne Stiel, aus der Asche holen konnte. Aber Dank der nachbarlichen Hilfe, wo jeder Nachbar selbstverständlich Ziegel, Holz und Arbeitskraft bereitstellte, stand das Haus binnen zwei Wochen, und der Betroffene konnte wieder einziehen. In einer Selbstverständlichkeit geschah dieses, ohne Kommentar und ohne Vorwürfe, denn jeden konnte wann immer ein solches Unglück treffen.

800 Jahre haben wir eine solche Gemeinschaft hier gepflegt. Und das Leben in dieser Siebenbürgischen Gemeinschaft war nicht leicht. Davon können wir ein Lied singen. Denn Tataren, Türken, Kuruzzen, Russen, Rumänen und Zigeuner sind über die Sachsen hergefallen, haben aber ihre enge Gemeinschaft nicht zerstören können. Die Pest, die Weltkriege und die Deportation ebenfalls nicht. Die Enteignung auch nicht. Wir sind also stolz auf unsere Herkunft, so sagt es das Motto des 21. Sachsentreffens, aber ob wir mit dieser Herkunft tatsächlich Zukunft aufbauen können, das weiß ich nicht.

Denn ich sitze da und schwärme von meiner Herkunft, bleibe aber bei meinem Schwärmen dennoch alleine. Ich habe nämlich nicht mehr, wem ich die Vergangenheit und die Erfahrung meiner Eltern und Großeltern mitteilen kann. Denn meine Nächsten, meine Tochter, mein Enkelsohn, sind weit weg. Ihnen hätte ich nach altem, traditionellem Bewusstsein als Pflicht mitteilen müssen, was unserer Herkunft nach von besonderer Wichtigkeit wäre. Aber wann soll ich das tun, und wie, und wo – wenn solche Distanzen von 1.800 km einander trennen. In ihrer neuen Wahlheimat weht ein anderer Geist, das habe ich bei meinen Besuchen erfahren müssen. Qui bene - also (wem dient es) ?

So wie mir vorgestern jemand im Park von Kronstadt gesagt hat: Man redet über 800 Jahre Besiedlung vom Burzenland durch die Deutschen Ritter und von der Gründung von Kronstadt. Jedoch von den vielen 360.000 Einwohnern der Stadt, wieviele Kronstädter waren anwesend bei den geschichtlichen Vorträgen und wieviele Kronstädter haben diese Tage bewusst registriert, wer denn Kronstadt gegründet und aufgebaut hat. Derselbe Gedanke gilt auch für die umliegenden 13 Dörfer des Burzenlandes. Ich möchte hier von einer Antwort ablassen. Ein neuer, ein uns fremder Geist regiert die Welt und bringt die familia dei, die Familie Gottes auseinander, die schon angeklungen wurde.

Das ist auch der Punkt den unser Bibeltext hier anspricht, obwohl das Bisherige in der Darlegung als typische Siebenbürgische Gemeinschaft, auch biblische Grundgedanken trägt. Doch hören wir, was geschehen war. In der Familie unseres Heilandes Jesus Christus hatte sich folgendes zugetragen:
Jesu Eltern, seine Geschwister und wer weiß, wer noch alles aus der nahen oder fernen Verwandtschaft, hörten von besonderen Ereignissen und Vorfällen mit Jesus. Wie sie darauf reagierten, sagt Markus 3, 20: "Und Jesus ging in ein Haus. Und da kam abermals das Volk zusammen, so dass sie nicht einmal essen konnten. Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn festhalten; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen." Das ist eine starke Anschuldigung, liebe Gemeinde. Jesus fällt mit seinen Reden und mit seinem Verhalten so sehr aus dem Rahmen des Gewohnten, dass seine engsten Verwandten an ihm irrewerden und denken: Er ist verrückt. Er ist religiös übergeschnappt. Es heißt, dass sie ihn sogar "festhalten" wollten. Sie wollten ihn zurückholen in die Familie, um ihn, ihrer Meinung nach, zu normalisieren. Doch das misslingt.

Die Theologen, die Schriftgelehrten, fällen ein hier noch härteres Urteil über Jesus, indem sie sagen: Was Jesus an Besonderem sagt und tut, das tut er nicht in der Kraft Gottes, sondern in der Macht des Teufels. Jesus steht mit dem Teufel im Bunde. Das ist ein Vorwurf, der einen die Luft anhalten lässt.

Fazit: Die engsten Verwandten halten Jesus für verrückt. Und die Theologen halten ihn für teuflisch. So scheiden sich an seiner Person die Geister: Die einen glauben, dass Gott ihn gesandt hat, während die anderen ihn für verrückt oder gar für einen vom Teufel Besessenen halten.

Doch die Antwort Jesu ist hier eine ganz andere als man sie erwartet. Er verteidigt sich nämlich nicht, er wehrt sich auch nicht. Er sagt, nachdem man ihn nach seiner Familie fragt, bestimmend, klar und deutlich: Die den Willen meines Vaters im Himmel tun, die sind meine nächsten Verwandten, die gehören zu der Familie Gottes.

Ja, aber was hat seine Familie eigentlich dazu bewegt, ihn, den Heiland, zurück zu rufen, um ihm zu sagen: Halt doch ein mit deinen Visionen, mit deinem Tun und Handeln, es bringt die Leute nur durcheinander. Was hat sie bewegt, diesen Schritt zu wagen?

Ganz einfach, liebe Brüder und Schwestern: DAS GEREDE in welches Jesus geraten war! Das boshafte Gerede über ihn von den Einen, die bösen Gerüchte und Unterstellungen von den Anderen, u.s.w. dazu kommt der Neid und die Missgunst, die verfälschte Wahrheit und verschleierte Erkenntnis. Dies ihr Lieben, waren lauter menschliche Motive und nur vom Bösen angestiftet. Da war nicht Jesus vom Teufel besessen, wie es die Schriftkundigen meinten, sondern eher ist anzunehmen, dass die ganze Verwandtschaft vom Bösen verunsichert, verwirrt und verführt worden war.

Wir wissen doch: Wehe dem, der boshaftem Gerede und auch böswilligen Gerüchten ausgesetzt ist. Der ist erledigt ! Ich habe es am eigenen Leibe erlebt, was es heißt durch Gerüchte untergraben und dann ausgegrenzt zu werden. Man steht als Gezeichneter da. Ich hab es selber erfahren müssen, was für einen seelischen Schaden man dadurch nehmen kann. Es haben mich nur diese Worte des Heilandes trösten können und keine anderen. Die den Willen Gottes tun, die sind Gottes Kinder und nicht diejenigen, die das 8. Gebot „vom falschen Zeugnis“ übertreten. Die den Willen Gottes tun, die richtet Gott auf und verheißt ihnen die wunderbare Gemeinschaft der Familie Gottes, das ein wahrer Trost und gibt Kraft.

Wenn nun unser Sachsenvolk 800 Jahre lang in einer einheitlichen Gemeinschaft gelebt hat und in bescheidener Armut, in Freud und Leid, sich dankbarer Weise dem Willen Gottes gebeugt hat, so ist das ein Erbe besonderer Art. Denn es hat nicht viele Reiche unter dem Sachsenvolk gegeben. Wir waren im europäischen Durchschnitt ein armes Volk, aber ein fleißiges Volk.

Was nun dies Sachsenvolk, diese exemplarische Gemeinschaft auseinander gerissen hat, das war nichts anderes als die Überheblichkeit, als der Wohlstand, als der Neid, als das boshafte Gerede, als die vielen Gerüchte und falschen Argumentationen und vieles andere mehr.

Qui bene ? Wem hat´s gedient ? Mir nicht ! Euch nicht ! Womit sollen wir dann Zukunft bauen, wenn nichts stichhaltig genug sein kann ? Womit sollen wir Zukunft prägen, wenn keine guten, segensreichen Werte zu finden sind ?

Heute, liebe Brüder und Schwestern, haben wir eine Antwort erhalten! Jesus teilt sie uns mit. Nur im Glauben kann die Zukunft bestritten werden. Nur mit einem festen Glauben, an dem unsere Gemeinschaft nie gezweifelt hat, kann ein Schritt in die Zukunft gewagt werden. Unsere Gemeinschaft hat allezeit den Willen Gottes getan. Und das selbst in äußerster Not und unter großen Entbehrungen. Gerade dann ist diese Gemeinschaft standhaft im Glauben geblieben. Sie hat sich Glaubenswerte angeeignet, auf die man stolz sein kann. 800 Jahre lang waren wir doch bestrebt das Bild der einheitlichen, sächsischen Großfamilie zu bewahren. Das ist ein exemplarisches Vorbild für die ganze Christenheit. Es ist gewachsen, dank der prägenden Tradition. Die Herkunft kann sich also nur auf diese besonderen Lebenswerte beziehen, die aus dem festen Glauben erwachsen sind.

Diese Erkenntnis allein können wir in die Zukunft nehmen, um darin prägend wirken. Ob das nun hier geschieht, oder drüben in der neuen Heimat, ganz gleich, aber das Erbe ist es wert in die Zukunft getragen zu werden, denn Gott hat verheißen uns alle Tage zu begleiten, wenn wir den Willen Gottes tun. Die Herkunft hat dieses Glaubenserbe ermöglicht. Dafür können wir dankbar sein. Es zu bewahren ist unsere Pflicht. Es in die Zukunft zu tragen ist unsere Aufgabe. Und Gott wir bei uns sein !

Somit schließt sich der Kreis: Herkunft prägt Zukunft ! – so das Motto des 21. Sachsentreffens.

Amen.